Musikvideo des Monats: Juli 2010
Veröffentlicht: 03.08.2010 um 17:41 von Schaffi
Stichworte clip, juli, musikvideo, video, videoclip

Im vorherigen Monat war es ganz schön schwierig, auch nur eine Handvoll richtig guter Videos zu benennen. Im Juli sah das hingegen komplett anders aus. Diesmal fiel die Entscheidung richtig schwer, welche der über 50 Kandidaten einen Platz unter den Top 5 verdient hatten. Und deshalb eins gleich vorneweg: Die untenstehende Auswahl wird sicherlich nicht unumstritten sein.
Den Anfang macht jedoch eine Enttäuschung. Denn SUICIDE SILENCE sollten eigentlich mehr bieten können als eine derart langweilige und generische Performance wie in "Disengage". Den weißen Hintergrund haben wir nicht nur diesen Monat schon zur Genüge gesehen, sondern bereits die letzten Monate öfter als uns lieb ist. Mehr Spaß bereitete mir diesbezüglich "Skyrider" von GORMATHON, das für einen Performance-Clip absolut okay ist, wenn auch etwas zu oft in der Nachbearbeitung auf Bildspiegelungen zurückgegriffen wurde. Immerhin ist dort die Kulisse echt und glänzt nicht mit schlechten Greenscreen-Effekten wie "Lost In Your Eyes". Dass der Clip außerdem eine vollkommen sinnfrei platzierte Stripeinlage aufweist, untermauert nur meinen Eindruck, dass HEAVENLY es wirklich nötig haben. Eher mittelmäßig ist der Performance-Teil von MASTIC SCUMs "Construcdead". Der eigentliche Handlungspart ist dafür eine coole Parabel auf die menschliche Dekadenz. Nicht grandios, aber absolut solide.
Stark verbessert haben sich SONIC SYNDICATE mit ihrem zweiten Video zu ihrem kommenden Album "We Rule The Night". In "My Own Life" filmt Patric Ullaeus endlich mal nicht mehr stur die spielende Band, sondern setzt die einzelnen Musiker in jeweils eigene Szenen, die er mit teils wirklich schönen Bildern einfängt. Leider vergisst er, eine richtige Geschichte zu erzählen. Aber wie der Song verkörpert auch das Video, was "My Own Life" ist: Pop. Hochglanz brauchen BLACK TUSK beim besten Willen nicht. "Red Eyes, Black Skies" ist eine dreckig-rotzige Performance, die durch entsprechende Nachbearbeitung noch schmutziger wirkt. So muss Sludge sein. Mit kalter, sehr reduzierter Farbwahl erzählen KIVIMETSÄN DRUIDI in "Desolation: White Wolf" eine nette Geschichte. Schnee und Wikinger - klar, das gehört einfach zum (Symphonic) Folk Metal. Ungleich energetischer gehen ATREYU vor, die schon wieder einen neuen Clip am Start haben. "Gallows" ist eine in monochrom getauchte Pseudo-live-Performance, die wenig aufregend ist, aber immerhin die Stimmung angemessen einfängt. Dank eigenwilliger Farbgebung und verschiedener Locations gelingt EMPYREON diesen Monat mit "Beyond Perception" ein ziemlich annehmbarer Performance-Clip, während SET YOUR GOALS ihre starke Präsenz in "Gaia Bleeds" mit Dokuschnipseln anreichern, die auf massive Umweltprobleme hinweisen. Ebenfalls gelungen!
Um nochmal zum Pop zurückzukommen: "Undercover Lover" von KIDS IN GLASS HOUSES entspricht in etwa dem, was auf Viva läuft. Natürlich makellos produziert, aber doch irgendwo belanglos. Recht viel besser ist DREAM EVILs Beitrag "Bang Your Head" derweil auch nicht geworden. Per Greenscreen haben sie sich auf eine Riesenbühne gezaubert, wo sie eine gewaltige Fanschar aus dem Computer abfeiert. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Ein herrliches Trashfest gibt es bei WITCHERY und "Witchkrieg", wo herrlich selbstironisch vor miserablen Renderhintergründen posiert wird. Nur Kerry Kings Gastauftritt passt nicht so ganz zum Rest. Lustig ist ebenso "Undisputed" von FOR BURIED HOPES - wenn auch aus anderen Gründen. Denn klischeehafter kann ein Metalcore-Video kaum sein. Immerhin ist es amüsant.
Da natürlich nicht jedes Musikvideo erwähnt werden kann, hier noch ein kurzer Überblick über ganz nette Produkte: BEYOND THE LABYRINTH erzählen "Oceans Apart" in Form eines Comics. Schöne Idee, aber daraus hätte man mehr machen können. COHEED AND CAMBRIA erstellten "Year Of The Black Rainbow" aus Filmmaterial von Fritz Langs Klassiker "Metropolis", PEARL JAM verbinden in "Amongst The Waves" schöne Wasseraufnahmen mit Live-Bildern und die Metalcore-Band BLEED THE MAN hübscht ihren Clip "The Darkened Sun" mit netten Effekten und einer bruchstückhaften Handlung auf. Dafür zeigt "Falter" von OCTOBER FILE, wie ein Zombie-Konzert aussehen würden, während SOILWORK mit "Deliverance Is Mine" einen CGI-Kurzfilm gedreht haben. Gut, aber wie END OF GREENs "Goodnight Insomnia" nicht ganz ausreichend. Die haben zwar eine gut gefilmte Geschichte in ihr Video gepackt, nur sind mir die Charaktere und deren Motivation zu unglaubwürdig geraten.
#5 | FILTER - The Inevitable Relapse
Neben klassischen Bandszenen zeigt "The Inevitable Relapse" einen fantastischen Ansatz, wie man das Thema Sucht und Abhängigkeit in einem Musikvideo thematisieren kann. Sie kommt nicht etwa als albtraumhaftes Geschöpf daher, sondern in Form einer gutaussehenden jungen Frau, die jedoch zu gewalttätigen Ausbruchen neigt. Und wie es bei der Sucht so ist, kann man der Verlockung nicht widerstehen, selbst wenn man weiß, dass sie dem eigenen Körper nur schadet.
#4 | THE MAN-EATING TREE - This Longitude Of Sleep
Vielleicht kein Musikvideo im klassischen Sinn, besteht "The Longitude Of Sleep" doch nur aus ineinandergeblendeten Fotografien, die ein Mitglied der Band selbst angefertigt hatte. Doch sind diese Bilder mindestens so atmosphärisch wie die ruhige, fast schwerelose Musik selbst es ist. Schöner kann man einen solchen Song nicht visuell untermalen und ich denke, genau darauf kommt es hier auch an.
#3 | IRON MAIDEN - The Final Frontier
In dieses Video ist sicherlich ein beachtliches Budget geflossen. Nach ein paar waghalsigen Flugmanövern im Weltraum wechselt das Geschehen nach erfolgreicher Landung auf eine Art Raumstation, die in Sachen Design und Lichtstimmung glatt dem Computerspiel "Doom 3" Konkurrenz macht. Klar, dass die verlassene Station in Wirklichkeit nicht ganz ohne Leben ist und sobald der Protagonist ein merkwürdiges Artefakt eingesammelt hat - Filmzitat inklusive - zeigt sich das dunkle Geheimnis auch unserem Helden. Von da an ist es ein Kampf ums Überleben, der mit erstaunlich guten Effekten in Szene gesetzt wurde. "The Final Frontier" ist ein CGI-SciFi-Horrorspektakel, das seines Gleichen sucht.
#2 | NORMA JEAN - Deathbed Atheist
Einen richtigen Psychotrip bescheren uns NORMA JEAN mit "Deathbed Atheist". Einerseits recht minimalistisch, andererseits aufgrund hoher Kreativität und einem stark künstlerischen Ansatz absolut fesselnd. "Deathbed Atheist" ist unvorhersehbar und originell. Die One-Man-Show funktioniert perfekt, der mittels eingefügter Zeichnungen visualisierte Wahnsinn fügt sich stimmig ein. Es ist schwer, dieses Video zu beschreiben, denn es ist einzigartig. Und im Grunde genommen hätte es genauso gut ganz oben stehen können.
#1 | HEAVEN SHALL BURN - Combat
Zugegeben, der Ansatz eines comicartig animierten Clips ist nicht mehr ganz so neu. Und auch die monochrome Farbgebung mit einzelnen Farbklecksen als Kontrast gab es so schon häufiger. HEAVEN SHALL BURN setzen diese Mittel aber nicht nur als harten Kontrast gegen ihre brachiale Musik, sondern fassen so ein sensibles wie erschreckendes Thema an: Die kindliche Cartoon-Optik steht der trostlosen Welt gegenüber, in der sich die in "Combat" thematisierten Kindersoldaten befinden. Gelegentliche Tagträume einer besseren, friedvollen Welt werden erbarmungslos zerschlagen. Eine Perspektive haben diese Kinder genauso wenig wie reale Hoffnung. "Combat" zeigt diese Schicksale auf eindringliche Weise, ohne ins Plakative abzudriften. Künstlerisch zweifellos gelungen wird eine politisch ungemein wichtige Botschaft transportiert - ohne Frage steht daher fest: "Combat" ist das Video des Monats Juli 2010.
Kommentare 0
Kommentare
Trackbacks 0


