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vampster.com > artikel > interview

AMORPHIS: Prelistening-Session zu "Am Universum", 08.12.00, Karlsruhe, Kulturruine

Interview vom 15.12.2000   drucken senden






AMORPHIS ist eine Band, die nun seit zehn Jahren eine feste Größe in der Metal-Szene ist und sich von Album zu Album konsequent weiterentwickelt hat, ohne dabei weder ihre Wurzeln noch ihre Fans aus den Augen zu verlieren. Auch das letzte Album "Tuonela" bot großartige Musik, so dass wir schon eine ganze Weile dem im März 2001 erscheinenden Album "Am Universum" entgegen fiebern. Um so größer war die Freude, als wir zur Prelistening-Session nach Karlsruhe geladen wurden, um uns einen ersten Eindruck des nächsten Albums zu verschaffen. Im Anschluss daran nutzen wir die Möglichkeit, uns von Tomi und Neuzugang Niclas am Bass ein paar Dinge zu "Am Universum" erzählen zu lassen...

Um es gleich mal vorweg zu nehmen: AMORPHIS knüpfen mit "Am Universum" fast nahtlos an "Tuonela" an, wobei besonders die damals neu verwendeten Elemente, wie zum Beispiel das Saxophon oder die wabernden Gitarren, mehr Platz in den Songs bekommen und der Sound insgesamt härter ausgefallen ist. Doch kommen wir zu den einzelnen Songs des Albums:

Alone
Der erste Song ist auch gleich einer der Höhepunkte. Nach einem recht langen, spacigen Intro folgt "Alone" - überraschend modern einerseits, andererseits überzeugt der Song durch eine wunderschöne Melodie. "Alone" ist wohl der berührendste Song, mir lief sofort eine Gänsehaut über den Körper - Pasi Koskinens Gesang hat sich im Vergleich zum Tuonela-Album noch mal verbessert. Voraussichtlich wird "Alone" die erste Single sein und wenn alles klappt, wollen Amorphis ein Video zu diesem Song drehen.

Goddess (Of The Sadman)
"Goddess of The Sadman" überrascht mit Siebziger-Jahre Einflüssen, Hammond-Orgel Sounds lassen den Song etwas altmodisch erscheinen, er erscheint aber auch etwas härter als das Material der Tuonela - besonders der Drum-Sound überrascht uns, da er wirklich sehr straight rüberkommt.

The Night Is Over
Noch mehr Hammond-Orgeln, noch mehr Siebziger Jahre Flair. Gegenüber den Openern "Alone" und "Goddess (of the Sadman)" fällt der Song etwas ab, zumindest beim einmaligen Hören fehlt "The Night is over" die Magie der anderen Stücke. Trotzdem ein typischer Amorphis-Song.

Shatters Within
Ebenfalls ein Song mit Intro, "Shatters Within" erinnerte mit seiner traurig-melancholischen Grundstimmung sehr an "Summer`s End", einem der besten Songs auf "Tuonela".

Crimson Wave
Nach einem recht harten Auftakt folgt die Überraschung: "Crimson Wave" klingt sehr modern, dem Song liegt ein ziemlich cooler Rhythmus zugrunde. Der Track endet mit einer Art Jam-Session, was im Kontrast zum zeitgemäßen Sound überrascht.

Drifting Memories
Ein ziemlich dynamischer Song, mit vielen Tempi- und Stimmungswechseln und ungewöhnlichem, aber sehr gelungenem Zwischenpart, der von einem Saxophon gespielt wird.

Forever More
Ziemlich rockig, die Strophe erinnert an Black Sabbath oder Monster Magnet - der Refrain kommt aber mit einem typischen Amorphis-Gitarrenteil. In "Forever More" finden sich auch wieder "orientalische" Melodien, allerdings lange nicht so auffällig wie in "Tuonela".

Veil Of Sin
Der ruhigste Song des Albums, bei dem Pasis Gesang in Kombination mit wehmütigen Saxophon-Klängen eine Steigerung zum Tuonela Album erkennen lässt, die Vocals sind noch emotionaler und haben mehr Ausdruck. Ein Song, um darin zu versinken.

Captured State
"Captured State" überrascht mit einem tanzbaren Rhythmus, und lässt dennoch kein Zweifel, welche Band den Song geschrieben hat - die Gitarren sind unverkennbar von Amorphis. Ein cooler, direkter Song.

Grieve Stricken Heart
Psychedelische Sounds lösen sich in einem ruhigen Refrain, mit seiner wehmütigen Stimmung und der tollen Melodie ist "Grieve Stricken Heart" der perfekte Rausschmeißer, der einen nach dem Verklingen der letzten Töne mit einer Gänsehaut zurück lässt.

Insgesamt ein sehr überzeugendes, wenn auch ungewöhnliches Album, das die stärksten Moment von "Tuonela" mit einer erdig-warmen und dennoch melancholischen Atmosphäre vereint.


Nachdem wir uns das Album angehört hatten, nahmen sich Gitarrist Tomi und der neue Bassist Niclas etwas Zeit, uns einige Fragen zum neuen Album zu beantworten.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass "Am Universum" weniger eingängig ist als das Vorgängeralbum "Tuonela". Die Songs scheinen komplexer, kleine Jam-Parts und der häufige Einsatz des Saxophones und der Hammond-Orgel wirken zunächst ungewöhnlich, fügen sich dann aber voll und ganz in das Songgefüge ein. Einerseits gehen Amorphis einen großen Schritt zurück und verwenden viele Siebziger Jahre-Einsprengsel wie die genannten Hammond-Orgel Sequenzen, andererseits klingt "Am Universum" alles andere als altmodisch. Im direkten Vergleich zu Tuonela fällt auf, dass die wehmütige Stimmung noch intensiver ist - "well, we all are dying matter", so fasste Sänger Pasi Koskinen die Stimmung vom Opener "Alone" zusammen - ein Gedanke, der sicher auch auf die Atmosphäre des gesamten Albums zutrifft.

"´Am Universum´ ist ein Stil, während Tuonela eher ein Gemisch war, " so beschreibt Gitarrist Tomi die Entwicklung im Songwriting. Bot "Tuonela" durch Tomis vereinzelte Growls noch Reminiszenzen an die Frühwerke der Bands, ist der Gitarrist auf "Am Universum" nicht mehr als Sänger zu hören - einerseits schade, andererseits würden Growls nicht mehr zu den neuen Titeln passen, zumal sich Pasi seinen klaren Gesang noch einmal verbessert hat und noch mehr Ausdruck mit seiner Stimme transportiert. "Der einzige Weg, zu überleben ist, sich weiterzuentwickeln," erklärt Tomi, "Veränderung ist der einzige Weg, deine Musik für das Publikum interessant zu machen. Ich weiß, einige Fans werden das nicht verstehen und schreien, dass wir "kommerziell" geworden sind. Diese Einstellung kann ich aber nicht verstehen." Die Band steht voll hinter dem neuen Album, und wird sich auch von negativen Reaktionen nicht verunsichern lassen: "Wenn das Album floppt, wird das kein Problem für uns sein, wir sind stolz auf dieses Album." Neuzugang Niclas Etelävuori (Bass) fügt hinzu: "Es ist ein sehr ehrliches Album". Ehrlich klingt "Am Universum" allemal, überraschend fand ich die Jam-Parts und die Erdigkeit, die das Album ausstrahlt, eine Wirkung, die die Band auch erreichen wollte. "Wir haben im Studio viel gejamt - einfach um ein Feeling zu bekommen. Wenn du ein Jahr lang probst, dann denkst du irgendwann zuviel nach." Am Universum kommt "aus dem Bauch" und Bands wie Led Zeppelin hatten durchaus ihren Einfluss, "du kannst dich in die Musik fallen lassen - ähnlich wie bei Led Zeppelin." Erklärt Niclas, der Led Zep zwar schon als Kind gehört hatte, damals aber nie einen richtigen Bezug zu der Band aufbauen konnte, "das kam erst später". Für Tomi ist es sehr wichtig, dass die Musik "Seele hat und nicht klingt wie zum Beispiel Limp Biskit klingt, die einfach zu steril sind."

Großen Anteil am warmen, erdigen Klang des Albums hat auch das Saxophon, das bereits auf zwei Songs der Tuonela zum Einsatz kam. "Die Saxophon-Parts stammen von demselben Musiker wie auf der Tuonela, er kommt aus einer finnischen Band namens Piirpauke, die bei uns ziemlich bekannt war und auch einen großen Einfluss auf uns hatte," so Tomi. My Dying Bride hatten eine Violine im Metal populär gemacht, doch die Überlegung, die Metal-Szene um ein ungewöhnliches Instrument zu bereichern, war nicht der Auslöser, das Saxophon in die Musik zu integrieren. Für Tomi "passt das Saxophon einfach zu unserer Musik, es vermittelt viel Gefühl. Wir wollen Musik machen, die schwer zu kategorisieren ist."

Der Albumtitel, der weder finnisch noch deutsch noch aus einer anderen Sprache kommt, ist laut Niclas "ein multi-dimensionaler Ausdruck - jeder versteht etwas anderes darunter, was die Sache spannend macht. Man kann wie ein Wissenschaftler das Universum dieses Albums erforschen." Auch das textliche Konzept hat sich gewandelt, die Kalevala spielt auf dem neuen Album keine Rolle mehr - "der Titel repräsentiert die Texte, es gibt zwar keine Lyrics mehr, die sich auf finnische Mythologie beziehen, aber es geht jetzt auch nicht plötzlich um schnelle Autos" verrät Tomi.

Amorphis-Fans sollten von "Am Universum" also nicht enttäuscht sein. Ein ausführliches Review wird es aber natürlich auch noch rechtzeitig vor Erscheinen des Albums bei vampster geben.

Bericht & Interview:
vampiria & boxhamster


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