SCHANDMAUL: Anderswelt
Im mittlerweile auch schon überwucherten Mittelalterzirkus waren mir SCHANDMAUL immer am Liebsten, mit den sympathischen Menschen in der Band, den vielen ideenreichen Aktionen für die Fans und dem rührigen Team liegen Fannähe und tolle Musik immer ganz vorn. Das kann aber nicht verhindern, dass mir die alten Alben mit ihrem unbedarften Charme, der mitreißenden Fröhlichkeit und den nur gelegentlich eingestreuten melancholischen Tönen besser gefallen, als die letzten Studioalben "Wie Pech und Schwefel" und vor allem "Mit Leib und Seele". Da war nach gut zwei Jahren die Neugier auf "Anderswelt" doch sehr groß, mit dem das 10-jährige Jubiläum der Band gefeiert wird.Aber SCHANDMAUL machen es dem Fan mit dem lockeren "Frei" leicht, sich wieder heimisch zu fühlen. Weiterhin gibt es Lieder, bei denen die harte Gitarre stark im Vordergrund ist, sodass man mit "Krieger" zum Beispiel wieder bei IN EXTREMO und SUBWAY TO SALLY anklopft. Und auch die dunkle Stimmung des Vorgängers legt sich wieder wie ein grauer Schatten über die neue Scheibe. Wirklich unbeschwerte Fröhlichkeit findet man nur beim Instrumental "Fiddlefolkpunk", das zum hemmungslosen Tanz einlädt. Neben etwas härter rockendem Liedgut überwiegen Songs, die von einer spürbaren Melancholie getragen werden wie "Königin", "Sirenen" oder "Stunde des Lichts" (mit wunderschönem Gesangsintro der beiden Damen). Beim schönen Titelsong, dem schlüpfrigen "Missgeschick" oder dem Schmusesong "Prinzessin" zeigt sich Thomas Lindner wieder mehr als Barde, Erinnerungen an die ersten Scheiben werden wach, ebenso an das unvergessene letzte Konzert der SCHANDMÄULER in kleinen Clubs 2002 im Ulmer Cat-Cafe, in dem der Schweiß von Band und Publikum in Bächen von der Gewölbedecke tropfte und auch ein anwesender träger Doomer zum Tanze gelockt wurde. Vielleicht haben sie die großen Bühnen und der größere Businessrahmen auf Kosten der Frische reifer, erwachsener gemacht, auf "Anderswelt" fügt sich dies aber in ein stimmigeres Bild als auf dem letzten Album. Unverändert berührt das schöne Zusammenspiel von Geige und Flöte weitaus mehr als das aufgeblasene Rumgetröte der ganz großen Mittelalterkollegen. Als Zuhörer fügt man sich in die Stimmung der Songs, die mystischen bis nachdenklichen Mittelaltergeschichten bieten nichts Neues, sind aber vertraut und genau das, was man sich von der Band wünscht.
Bei "Mit Leib und Seele" aufgetauchte Kritiken können SCHANDMAUL mit leichter Hand beiseite schieben. Thomas Lindner fügt sich ohne Experimente in den Rahmen seiner Stimme, das ist gut so und mehr will man nicht. Die harten Gitarren sind nicht verschwunden, sollten aber nicht mehr werden, eine Annäherung an IN EXTREMO und SUBWAY TO SALLY haben SCHANDMAUL absolut nicht nötig. Das wohltemperierte Spiel von Geigen, Dudelsack, Schalmeien und Drehleier ist das wärmende Feuer in der Hütte. Verzichtet man auf die alte lockere Fröhlichkeit und fügt sich der dunkleren Stimmung auf "Anderswelt", welches wieder in schöner Digi-Pack-Aufmachung und mit gutem Sound daher kommt, dann vergisst man gern die Macken des Vorgängers. So freut man sich gern auf die nächsten 10 Jahre SCHANDMAUL. Die limitierte Auflage kommt noch mit einem Faltposter und Video-Beigabe.
Veröffentlichungstermin: 04.04.2008
Spielzeit: 52:02 Min.
Line-Up:
Thomas Lindner - Gesang, Akustik-Gitarre
Anna Kränzlein - Geige, Drehleier, Bratsche, Gesang
Birgit Muggenthaler-Schmack - Dudelsack, Flöten, Schalmeien, Gesang
Martin Duckstein - Gitarren, Gesang
Matthias Richter - Bass, Kontrabass
Stefan Brunner - Schlagzeug, Percussion, Gesang
Produziert von Thomas Heimann-Trosien
Label: F.A.M.E. Recordings
Homepage: http://www.schandmaul.de
Tracklist:
1. Frei
2. Krieger
3. Anderswelt
4. Königin
5. Zweite Seele
6. Die Braut
7. Missgeschick
8. Sirenen
9. Stunde des Lichts
10. Fiddlefolkpunk
11. Augen auf!
12. Wolfsmensch
13. Drei Lieder
14. Prinzessin
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...wenn man die Leute nicht überzeugen kann muss man sie halt verwirren...